“Nur ein Süd-Dach lohnt sich.” Diese alte Regel galt in einer Welt mit hoher Einspeisevergütung — heute, mit Eigenverbrauch-Fokus und Speicher-Selbstverständlichkeit, stimmt sie oft nicht mehr. Diese Seite zeigt, wann Ostwest die wirtschaftlich bessere Wahl ist — mit konkreten Zahlen.
Was ist eine Ostwest-Anlage?
Statt alle Module nach Süd auszurichten, werden sie auf zwei gegenüberliegende Dachseiten verteilt:
- Ost-Seite: produziert vormittags (6-12 Uhr)
- West-Seite: produziert nachmittags (12-19 Uhr)
Auf einem Walmdach mit 4 Seiten: 2 Seiten mit Modulen (Ost + West), 2 ungenutzt (Nord + Süd).
Bei Sattel-Dach mit Ost-West-Firstrichtung: beide Seiten nutzbar, eine Ost, eine West.
Wie sich die Erzeugung verteilt
Vergleich 5 kWp, München, Stand der Sonne im Juni:
| Uhrzeit | Süd-Anlage (Erzeugung kW) | Ostwest 50/50 (kW) |
|---|---|---|
| 7 Uhr | 0,2 | 1,5 (Ost-Modul aktiv) |
| 9 Uhr | 1,8 | 2,8 (Ost dominant) |
| 12 Uhr | 4,8 (Spitze) | 3,0 (beide Module 50 %) |
| 15 Uhr | 3,5 | 2,8 (West dominant) |
| 18 Uhr | 0,5 | 1,5 (West-Modul aktiv) |
Die Süd-Anlage hat eine höhere Tagesspitze (4,8 kW vs. 3,0 kW), aber die Ostwest-Anlage hat eine breitere Erzeugung über den Tag.
Warum Ostwest oft besser für Eigenverbrauch
Ein typisches Familien-Verbrauchsprofil:
- 7-9 Uhr: Frühstück, Anfahrt zur Arbeit (~600-1.000 W Verbrauch)
- 12-13 Uhr: Mittagspause, niemand zu Hause (~200-400 W)
- 18-21 Uhr: Abendessen, Geräte (~1.000-2.000 W)
Bei einer Süd-Anlage ist die Erzeugungs-Spitze mittags — genau dann, wenn niemand zu Hause ist. Resultat: viel Einspeisung, niedriger Eigenverbrauch.
Bei einer Ostwest-Anlage liegt die Erzeugung morgens und abends — passt besser zum Verbrauchs-Profil. Resultat: höherer Eigenverbrauchsanteil ohne extra Speicher.
Konkrete Wirtschaftlichkeits-Vergleich
5 kWp Anlage, München, Familie mit 4.500 kWh Verbrauch, mit 5 kWh Speicher:
| Konfiguration | Süd 35° | Ostwest 30° |
|---|---|---|
| Spezifische Erzeugung | 1.120 kWh/kWp | 970 kWh/kWp |
| Jahresertrag | 5.937 kWh | 5.142 kWh |
| Eigenverbrauchsanteil | 62 % | 68 % |
| Eigenverbrauch | 3.681 kWh | 3.497 kWh |
| Einspeisung | 2.256 kWh | 1.645 kWh |
| Cashflow Jahr 1 | 1.577 € | 1.461 € |
| 20-Jahres-NPV | 18.420 € | 17.250 € |
→ Süd liegt mit 1.170 € NPV-Vorsprung knapp vor Ostwest. Aber bei einer Reform-2027-Konfiguration ohne EEG-Vergütung dreht sich das Bild:
| Konfiguration (2027 ohne EEG) | Süd 35° | Ostwest 30° |
|---|---|---|
| 20-Jahres-NPV | 13.000 € | 13.450 € |
→ Im 2027-Szenario gewinnt Ostwest durch den höheren Eigenverbrauchsanteil — die fehlende Einspeise-Vergütung trifft Süd härter.
Wann ist Ostwest die richtige Wahl?
Eindeutig sinnvoll bei:
- Walmdach mit klar Ost-West-Ausrichtung (kein Süd verfügbar)
- Niedrige Verschattung am Morgen UND Abend (sonst kein Vorteil)
- Hoher Verbrauch in den Randzeiten (Familien mit Kindern, Homeoffice)
- Geplante 2027-Inbetriebnahme (Reform-Faktor)
Süd vorziehen bei:
- Klassisches Süd-Sattel-Dach
- Niedriger Verbrauch (<3.000 kWh/Jahr) — Spitzen-Erzeugung lohnt
- Reform 2026 mit hohem Eigenverbrauch geplant (Wärmepumpen-Haushalt)
- Kleine Dachfläche, max. Erzeugung wichtig
Ostwest = höherer Aufwand?
Ja, aber moderat:
- Mehr Module nötig für gleiche kWp (weil weniger Ertrag/Modul) → +10-15 % Modulkosten
- Zwei Strings statt einem → komplexere Verkabelung, +200-400 € Installations-Aufwand
- Ggf. Optimizer wenn die zwei Seiten unterschiedliche Verschattung haben
Insgesamt: Ostwest-Anlage kostet etwa 5-10 % mehr als gleichgroße Süd-Anlage.
Modul-Wechselrichter (Mikro-Wechselrichter) bei Ostwest
Klassische String-Wechselrichter haben ein Problem mit Ostwest: wenn ein String (Ost) Strom erzeugt, der andere (West) noch nicht, kann der Wechselrichter nicht beide gleichzeitig optimal abrufen.
Lösungen:
- Hybrid-Wechselrichter mit 2 MPP-Trackern (Standard ab 2024). Jeder String hat eigenen Tracker.
- Mikro-Wechselrichter pro Modul. Maximale Flexibilität, aber teurer (+800-1.200 €).
- Optimizer pro Modul. Mittelweg, +400-600 €.
Empfehlung 2026: Standard-Hybrid mit 2 MPP-Trackern. Optimizer/Mikro nur bei komplexer Verschattung.
Süd vs. Ostwest auf gleichem Dach?
Manche Dächer erlauben Mischung — z.B. Süd-Sattel-Dach mit zusätzlicher Garagen-Ost-Seite:
- Hauptdach: 7 kWp Süd
- Garage: 3 kWp West
Vorteile: maximale Erzeugung + breite Tagesverteilung. Nachteile: 2 separate Anlagen-Anmeldungen (oder 1 mit 2 Strings, Wechselrichter muss passen).
Was, wenn Süd nicht möglich ist?
Falls dein Dach nicht Süd-Sattel ist (sondern Walmdach, Ostwest-Sattel, Pultdach Ost), ist Ostwest oft die einzig sinnvolle Option. Die 10-15 % weniger absolute Erzeugung sind kein Killer — ein höherer Eigenverbrauch macht das wirtschaftlich gut.
Die 80-90 % Eigenverbrauch-relevante Anlage auf einem Ostwest-Dach ist wirtschaftlich oft besser als eine 100 %-Erzeugung-Süd-Anlage mit niedrigem Eigenverbrauch.
Praxis-Tipps
- Vor Auftrag 3D-Simulation zeigen lassen. Installateur hat Tools (z.B. Solar-Pro, PV-Sol), die die Erzeugung und Verschattung visualisieren.
- Verschattungs-Audit über den ganzen Tag. Eine Linde, die abends die West-Seite verschattet, macht die ganze West-Seite wirtschaftlich kaputt.
- Wechselrichter mit 2 MPP-Trackern wählen, auch bei “nur” einem Süd-String — flexibler für Erweiterungen.
- Speicher passend dimensionieren. Bei Ostwest reicht oft kleinerer Speicher als bei Süd, weil die Erzeugung schon natürlich verteilt ist.
FAQ
Welcher Dachneigungs-Winkel ist optimal für Ostwest? Flacher als bei Süd. 25-35° ist typisch. Steileren (45°+) bringen Ost/West weniger Vorteil.
Lohnt sich Ostwest für ein Mietshaus? Ja, oft besser als Süd. Mehrere Mieter haben unterschiedliche Verbrauchszeiten — die breitere Erzeugung passt besser zu mehreren Lastprofilen.
Was ist mit Ostwest auf Flachdach (aufgeständert)? Sehr gut. Aufständerung ermöglicht jeden gewünschten Winkel. Standard ist 10° Ost / 10° West (sehr flach, viele Module passen).
Funktioniert Ostwest mit nur einem Wechselrichter? Ja, aber Wechselrichter braucht 2 MPP-Tracker. Standard heute, sollte bei der Bestellung explizit erwähnt werden.
Vertieft im Pillar-Artikel
Ausrichtung ist nur ein Faktor — Anlagengröße, Speicher und Reform 2027 wirken zusammen. Im Pillar-Artikel Lohnt sich Photovoltaik 2026? findest du das Gesamt-Bild mit Decision-Tree.
Quellen
- voltaplan Solar-ROI-Rechner — Ausrichtungs-Compass mit Live-Vergleich
- voltaplan Methodik — Eigenverbrauchsmodell pro Ausrichtung
- PVGIS — EU JRC — Strahlungsdaten Ost/West
- BSW-Solar Modul-Wechselrichter Vergleich — Wechselrichter-Auswahl